
EDITORIAL
Autorin: Y. Han · Ausgabe 12/2025||Die Weihnachtszeit naht, wie in jedem Jahr gefühlt viel zu schnell und plötzlich. Man weiß in der Rückblende nie so recht, wohin die Monate enteilt sind. Beim Fertigstellen eines jeden Heftes verwundert das andererseits gar nicht so sehr – so viel Neues und Schönes entsteht permanent irgendwo, seien es die vielen Wagner-Produktionen, die den Spielzeit-Beginn geflutet haben (darunter gleich mehrere neue »Ring«-Projekte!), seien es die Raritäten, die uns beschert werden, große Jubiläen wie das des Walzerkönigs oder die jungen hoffnungsfrohen Talente, die in immer neuen Schüben auf die Bühnen strömen und sich auf der großen Bühne beweisen. Alles ist im steten Fluss, in unaufhörlicher Bewegung, in offenkundig anhaltendem Glauben an die Macht des Musiktheaters – und dessen Fortbestand. Dass es kein Geheimrezept für sein Gelingen gibt, zeigt sich auch auf den Seiten dieses Magazins immer wieder: der Erfolg liegt nicht in beliebten Melodien, nicht einmal in meisterlicher Musikalität allein, auch nicht im intellektuell herausfordernden, abstrakt ausgeklügelten Konzept, und erst recht nicht in der Provokation, wie man immer wieder merkt und auch unser Interviewpartner Matthias Schulz feststellt; das, was uns berührt, liegt stattdessen irgendwo im geheimnisvollen Raum dazwischen, dort, wo Vorstellungskraft, Emotionen, Gedanken aufeinanderprallen und im gemeinsamen Kraftfeld etwas in uns auslösen.%weiter%Die Formel dafür wird jeden Abend neu ausgewürfelt. Dass es gar nicht die vermeintlichen Gassenhauer wie »Tosca« oder »Carmen« sein müssen, um ein Publikum zu begeistern und in seine Säle zu locken, erweist sich auch immer wieder – wie zuletzt erst in Bremen mit einem »Feurigen Engel« oder in Lyon, wo selbst ein vermeintlich sperriges Werk wie »Boris Godunow« für Begeisterung sorgte. Man will eben nicht immer wieder die gleichen Geschichten sehen und die oft gehörten und geliebten Melodien hören, sondern durch neue inspiriert werden, die man noch nicht so oft rauf- und runtergehört hat – denn nur in so einer Neubegegnung liegt der unvergleichliche wie unvergessliche Zauber des „ersten Mals“. Wer kann das besser als das Musiktheater mit seinem so geheimnisvollen interdisziplinären Kraftfeld?||
Neues und Inspirierendes findet man auch bei unseren Titelkünstlerinnen zuhauf; immerhin verbringt das Duo Praxedis viele, viele Stunden in Archiven, um Notenmaterial für Harfe und Klavier aufzutun – die uns Hörern wiederum vermeintlich vertraute Opern in ganz neuem Gewand präsentieren können. Und gleichzeitig zeigt sich auch an diesem Duo wieder, wie gut sich in diesem Genre auch zeitenübergreifend die Hand gereicht werden kann und dass es durchaus auch weiterhin lohnt, im bereits Gewesenen auf Entdeckungsreise nach der Neubegegnung zu gehen.
Vielleicht finden auch Sie, liebe Leser, so etwas Neues für sich ja in der anstehenden Vorweihnachtszeit, wenn es einerseits wieder häuslicher zugeht und man sich andererseits auf die Suche nach Geschenken für die Liebsten macht. Wir freuen uns, wenn Sie auf den nachfolgenden Seiten Ihrerseits auf Inspirierendes stoßen, das jenen magischen Funken in Ihnen auslöst.||
Eine schöne Adventszeit wünscht Ihnen im Namen der Opernglas-Familie||
Ihre Yeri Han