
EDITORIAL
Autorin: Y. Han · Ausgabe 04/2026|| Beim diesjährigen Opera Forward Festival war auch die Frühlingskonferenz der „Opera Europa“ zu Gast – mit einigen auch für die Öffentlichkeit zugänglichen und mit prominenten Führungspersönlichkeiten der Branche besetzten Diskussionsrunden, beispielsweise zu Themenkomplexen wie „Wie bringt man ein zeitgenössisches Werk erfolgreich zur dritten, vierten Vorstellungsserie?“ oder auch „Die Politik des Geschichtenerzählens“ bei Auftragswerken. Für besondere Resonanz unter den Anwesenden sorgte eine (vor allem unterhaltsame) Keynote von Barrie Kosky, der in mitreißendem Duktus bemüht war, die Kerntugenden des Musiktheaters in den Vordergrund zu rücken (plus ein paar augenzwinkernde Seitenhiebe).
Eigentlich steckt viel Potenzial in so einem Dialog und dem Zusammenkommen von zahlreichenden Opernmachern – zumindest verspricht man sich das davon. Aber wie dem immer so ist, versandet ein Großteil davon dann doch in schönen und idealistischen Formulierungen und „ungefährlichen“, in ihrer Vagheit aber auch unbefriedigenden Wortbeiträgen, bei denen man nicht so recht weiß, wie sie die zweifellos konkrete Maßnahmen bedürfende Opernindustrie denn weiterbringen oder ändern sollen. Besonders unbefriedigend waren daher auch jedes Mal aufs Neue die 15 Minuten, die jeweils fest für Fragen des Publikums geblockt waren: Zum einen handelte es sich bei den Fragestellern größtenteils um junge Nachwuchskomponisten, die die Plattform nutzen zu wollen schienen, der anwesenden Öffentlichkeit eher wortreich denn auf den Punkt ihr Leid über die wenigen Spielplan-Slots für zeitgenössische Musik zu klagen; zum anderen wurden diese Fragen von den verschiedenen Panels sowie den Moderatoren mit verblüffender Knappheit geradezu luftleer im Raum stehen gelassen, dass man sich als Zuhörer ein ungläubiges Lachen verkneifen musste.%weiter%Selbst sehr konkret und stichhaltig gestellte Fragen wie etwa von Moritz Eggert, der in Zahlen vor Augen führte, wie wenig Lücken sich in den gängigen Opernspielplänen für neue Werke auftaten, während die Hochschulen eine Komponistengeneration nach der anderen auf den Markt spülten, führten zu keiner auch nur ansatzweise adäquaten Antwort; ebenso wurde eine andere durchaus spannende Wortmeldung, die kritisierte, dass die Geschichten über Minderheiten allzu oft eine Art „Elendsporno“ seien, mit „ja, das ist ein wichtiger Punkt, den wir dringend angehen müssen“ beantwortet und die Runde dann auch schon wieder geschlossen. Wer hat das Recht, welche Geschichten zu erzählen?, ist eine hochrelevante Fragestellung dieser Zeit, von der man sich einen mutigeren Diskurs auf der Bühne erhofft hätte, gerade auch nachdem sich wieder einmal herauskristallisiert hat, dass der Blickwinkel noch immer ein sehr „weißer“ ist – und folglich auch die Themenwahl. Sie lässt noch immer außer Acht, dass es, wie auch in Amsterdam zutreffend resümiert wurde, nicht einfach nur „das Publikum“ gibt, sondern wir es mit einer Vielzahl von Menschen zu tun haben, die in ihren Interessen und Vorlieben so divers sind wie nie zuvor. Wie Lilli Paasikivi, die Intendantin von Bregenz, es nennt: „ein Gleichgewicht zwischen einer »Traviata« und den Leidenschaften des normalen Menschen“ muss her. Wer aber sind all diese „normalen Menschen“? Was kann und muss man ihnen heute anbieten, ohne das Musiktheater weiter fast ausschließlich in der Vergangenheit nach Angeboten fahnden zu lassen?
Sicher – der gute Wille zählt und ist als solches viel wert. Und genauso sicher ist auch, dass es kein allgemein gültiges Rezept dafür gibt, unter welchen Rahmenbedingungen und inhaltlichen Voraussetzungen Musiktheater ein reißender Erfolg wird und warum eine Produktion trotz auf dem Papier toller Kriterien floppt. Ist es so, wie Barrie Kosky sagt, und Oper muss uns mit Klang und Show überwältigen, ja, geradezu ertränken? Es hat sicherlich seinen Grund, dass Theatermomente wie Scarpias „Te Deum“ nie ihre Wirkung auf uns verfehlen; wie aber geht der Bombast, den nur das Musiktheater in dieser Form zu bieten imstande ist, mit den löblichen Bestrebungen einher, ökologischer, sparsamer produzieren zu wollen? Kann Oper überhaupt zeitgemäß nachhaltig und doch auch opulent sein? Oder schließt sich beides gegenseitig aus? Wenn aber der klangliche wie visuelle Bombast einer der Grundpfeiler dieser Kunstform ist (und daran besteht wenig Zweifel); lassen sich aus Parametern wie diesem vielleicht doch ein paar Zutaten ableiten, die zeitenübergreifend erfolgreiches, mitreißendes Musiktheater ausmachen können…?
Vielleicht finden Sie, liebe Leser, Antworten für sich selbst auf den folgenden Seiten – eine gute Lektüre wünscht Ihnen||Ihre Yeri Han