
EDITORIAL
Autorin: Y. Han · Ausgabe 03/2026|| Man kennt es ein bisschen aus seinem eigenen Leben: Man hält über Gebühr lange an Dingen fest – an bewährten Schemata wie auch an zwischenmenschlichen Beziehungen, denn ein radikaler Neustart erscheint einem abschreckend kräfteraubend, bei zu ungewisser Erfolgsprognose. Bei den zur Verfügung stehenden Auswahlmöglichkeiten fällt die Entscheidung oft auf den bereits bekannten Weg – das business as usual eben. Auch die Oper ist an einem ähnlichen Punkt in ihrem langen Leben angekommen. Wäre es eigentlich an der Zeit, sich beherzt zu häuten und den neuen Lebensabschnitt anzunehmen, so wie er ist, tut sie sich doch irgendwie auch schwer und verharrt zögerlich unter dem Gewicht ihrer zahlreichen Altlasten. Ist sie einerseits dabei sich in immer kleinere Einzelpartikel zu zerfasern, weg von einer Handvoll Aushängeschildern, deren Namen eine ganze Branche beherrschen, hin zu kleineren Inseln der Aufmerksamkeit, ist sie andererseits doch auch immer noch auf solche „Zugpferde“ angewiesen, in der Hoffnung, dass sie so wie früher einen gewissen Publikumszustrom garantieren und dem Publikumsschwund entgegenwirken mögen.%weiter%Der vielerorts durchaus spürbare stärkere Fokus auf die Kunst selbst, unabhängig von ihren Gesichtern, verfestigt sich gegenwärtig nur punktuell, und vielleicht prallen wie in der Politik auch in diesem Sektor Progressivität um der Sache willen und Konservatismus ein bisschen zu frontal aufeinander. Man schaut aber angesichts dessen mit umso größerem Interesse und Vergnügen auf bestimmte Formate und Künstler, von denen man sich frischen Wind und neuen Input erhofft. Es hat uns daher sehr gefreut, in dieser Ausgabe mit Ted Huffmann und dem Opera Forward Festival in Amsterdam, wo mit demonstrativer Kreativität und im wichtigen Dialog mit Nachwuchskünstlern am Musiktheater herumexperimentiert wird, zwei Akteure als Gesprächspartner zu Gast zu haben, die das Genre seit Jahren mit Ideen jenseits des Tellerrandes bereichern. Sicher, nicht alles davon hat das Potenzial für Dauerhaftes; so war es schon immer und wird es auch weiterhin sein, wenn nicht jede Neukreation sich als neuer „Klassiker“ im Repertoire verankert. Das kann nicht die Erwartungshaltung sein. Aber: ein bisschen sollten wir vielleicht in der Tat wieder zu dem Mindset zurückkehren, dass das Musiktheater ursprünglich immer etwas war, das kontinuierlich neu für seine Zeit und sein Publikum kreiert hat. Darin, sowie im Ineinandergreifen von den uns zur Verfügung stehenden Darstellungsformen, liegen noch so viele Möglichkeiten, dass es uns nicht skeptisch, sondern vielmehr kribbelig vor Vorfreude machen sollte.
Wie immer offenbaren sich erst im Endspurt zu einer Ausgabe die verschiedenen roten Fäden, die sich durch sie ziehen – waren wir zu Beginn der Spielzeit noch auffallend Wagner-lastig, ist der März auffallend zeitgemäß, nicht nur mit unseren Gesprächspartnern, sondern zusätzlich mit gleich mehreren »Karmeliterinnen«, »Lady Macbeths« und Korngolds, die das Publikum gefordert haben. So fügen sich die Dinge auf schöne Weise immer wieder neu und sinnig – darin liegt irgendwie etwas Beruhigendes, nicht wahr? Von daher: Lassen Sie uns optimistisch und aufgeschlossen bleiben, der Welt gegenüber, aber auch in Bezug auf diese Kunstform, die wir alle so sehr lieben für die großen Gefühle, die sie immer wieder aufs Neue zu verursachen im Stande ist.
Eine abwechslungsreiche Lektüre wünscht Ihnen, liebe Leser||
Ihre Yeri Han