
EDITORIAL
Autorin: Y. Han · Ausgabe 07-08/2026||Wenn man inmitten der europäischen Hitzewelle die Festspielausgabe fertig stellt, fällt die Einstimmung auf den Festspielsommer fast noch leichter – der Sommer ist da, und mit ihm die „besonderen“ Ereignisse abseits des Theateralltags, der das restliche Jahr in fester Hand hält. Besonders gern schaut man dorthin, wo erneute Meilensteine geplant sind: beispielsweise gibt unsere Titelkünstlerin Asmik Grigorian in Salzburg, wo sie als Salome zum Star wurde, in diesem Jahr ihr Rollendebüt als Carmen – während ihr männliches Gegenstück in Sachen Vielseitigkeit, Michael Spyres, in Aix seinem bereits stattlichen und doch stetig weiter wachsenden Repertoire den Kaiser in der »Frau ohne Schatten« hinzuzufügen beabsichtigt und Sara Jakubiak – eine weitere Vertreterin der Rollenvielfalt – in London ihre erste Isolde singen wird. Ein Meilenstein wird aber auch in Innsbruck erreicht, wo die Festwochen der Alten Musik 50. Geburtstag feiern und dieses Ereignis standesgemäß mit der achtstündigen Cesti-Oper »Il pomo d’oro« feiern.%weiter%
Es ist dabei immer wieder auch eine Freude – man kann es nicht oft genug sagen –, dank persönlicher Gespräche durch die Augen der Akteure auf die Szene zu schauen, gerade auch in diesen Zeiten, wo so viele künstlerische Ansätze, Überzeugungen, Ästhetiken und Arten Oper zu machen und zu begreifen nebeneinander existieren. Nicht nur die verschiedenen Rezensionen unserer Autorenschaft spiegeln wider, wie unterschiedlich Prioritäten ausfallen können; denn von fast schon kategorischer Ablehnung neuartigen Ausdrucksmitteln gegenüber bis hin zum glühenden Fokus auf Musik und Stimme ist Monat für Monat alles zu finden. Aber auch die Ansichten der Künstler variieren – für die einen ist die Vielzahl an Möglichkeiten, ein Stück zu erzählen ein steter Quell des Weiterlernens und Erweiterung des eigenen Horizonts, für andere bleibt es ein zweischneidiges Schwert, bei dem das Musikerherz zwischen Partitur und Handlungsdeutung schwankt. Den involvierten Künstler zu überzeugen, scheint dabei noch die leichteste Übung zu sein; deutlich schwerer hat man es da unter Umständen bei langjährigen Opernliebhabern mit präzisem persönlichen Geschmack – und alten „Granden“, wie einem Ioan Holender, der zuletzt Gastbeiträge in einer konservativen österreichischen Tageszeitung wiederholt dazu nutzte, unter anderem gegen das Regietheater zu wettern und der ganzen Kunstform Oper gar den Untergang zu prophezeien. Ein weiterer öffentlichkeitswirksamer Wellenschlag, den man sich nach dem bis zum Abwinken abgekulteten Timothee-Chalamet-Ausspruch scheinbar ganz gern gefallen ließ und auch gern teilte und weiterleitete – zur Sache tut das allerdings sogar weniger als das eindimensionale Kokettieren eines Hollywood-Stars, dessen Ausspruch immerhin zur Gemeinschaftlichkeit beitrug.
Geschmäcker mögen auseinander gehen – aber eines lässt sich ganz sicher sagen: in verbittert-ablehnenden Äußerungen, denen man nicht einen verbleibenden Funken von differenzierendem Bemühen um Offenheit anmerkt (und damit ist jetzt nicht mehr nur genannter Gastbeitrag gemeint), bringen eine Kunstform ebenso wenig weiter wie eine Gesellschaft – und verlängern auch nicht die immer wieder neu prognostizierte mutmaßliche Lebensdauer der Oper. Kunst besteht nun einmal aus Vielfalt. Sie muss sich immer neu erfinden und entdecken dürfen, und bisher war auch in der Oper doch noch für jeden etwas dabei.
Um damit abschließend den Bogen zum Anfang zurückzuschlagen: Auch diejenigen, die die Oper auf, hinter und unterhalb der Bühne am Leben halten, sind sich nicht immer in allem einig – wie auch, schließlich ist jeder Mensch anders. Aber ihr individueller Blick auf die verschiedenen Prioritäten, ihre Leidenschaft für die Kunst können vielleicht auch den einen oder anderen kritischen Geist damit versöhnen, dass vielleicht nicht immer alles gleich bleibt – gut kann es trotzdem sein.
Ich wünsche Ihnen, im Namen der gesamten Opernglas-Familie, einen musik- und erlebnisreichen Sommer – und bin gespannt, wohin es Sie in den kommenden Wochen wohl verschlägt.
||Ihre Yeri Han