
EDITORIAL
Autorin: Y. Han · Ausgabe 10/2026|| Es wurde wieder mal gewählt in Deutschland, und es ist ein wenig betrüblich, wie erfolglos die politische Mitte darin geworden ist, die Bürger inhaltlich abzuholen, die sich (aus unterschiedlichsten Gründen) nicht mehr gesehen und abgeholt fühlen. Einer extremen Partei den Wahlauftrag in einem Bundesland zu erteilen ist natürlich nicht gleichbedeutend mit einem sofortigen Abrutschen in undemokratische Strukturen; es wird nicht sofort wieder 1933, nur weil die AfD die meisten Stimmen bekommen hat. Aber wie in vielen Dingen zeigt sich ein möglicher Schaden erst über die Langstrecke, und Bildung und Kultur sind hierfür die einschlägigen Leidtragenden, da hier der Rotstift stets am freimütigsten gesetzt, dringend nötiges Geld gern nur zögerlich gegeben wird, da die Folgen nie unmittelbar zutage treten und man daher lieber dort Brände löscht, wo man schneller konkret messbare Ergebnisse vorweisen und schleichende Schäden einfach an die politischen Nachfolger vererben kann. Das ist in der Motivation zwar menschlich und verständlich, aber gleichzeitig zeigt sich schon jetzt, dass das Bildungsniveau in Deutschland eher kontinuierlich sinkt als steigt, Kernkompetenzen wie Lesen und Leseverständnis notorisch schlecht ausgeprägt sind, junge Menschen im internationalen Vergleich erschreckend schlecht abschneiden für einen Staat mit unseren Möglichkeiten.%weiter%
Die extreme Rechte muss erst noch unter Beweis stellen, in welche Taten und Maßnahmen sie tatsächliche politische Macht ummünzen würde – sicherlich sind nicht alle ihre erklärten Ziele innerhalb unserer Demokratie 1:1 umsetzbar, näher hinschauen sollte man trotzdem. In Sachsen-Anhalt wurde explizit formuliert: „Das Grundgesetz verpflichtet uns, auch solche Kunst zu akzeptieren. Das Grundgesetz verpflichtet uns aber nicht, solche Kunst zu fördern.“ Und auch der Thüringer Landesverband kritisiert die steigenden Zuschüsse an Theater und Orchester als problematisch und spricht davon, dass deren Finanzierung teilweise zu einem „Fass ohne Boden“ geworden sei, durch die Hochkultur auf Kosten von „Breiten- und Volkskultur“ finanziert werde. Das klingt doch durchaus wie eine gar nicht so verschleierte Drohung gegen die Kunstfreiheit, oder? Diese ist verfassungsrechtlich geschützt, ja, aber gleichzeitig sind deutsche Kultureinrichtungen nun einmal auf staatliche Gelder angewiesen. Wird man es da weiterhin wagen, Inhalte zu programmieren, die Themen wie Migration, kritischer Gesellschaftspolitik, LGBTQ oder dem sogenannten „Gender-Gaga“ Sichtbarkeit auf der Bühne geben? Oder führt die Angst vor anstehenden Finanzierungsrunden und Geldtöpfen dazu, dass man im jetzt schon stattfindenden Überlebenskampf von Theatersparten einknickt und dann lieber Personalien und Inhalte anbietet, die eine möglichst gute Aussicht auf Förderung haben? Julian Chavaz, Intendant in Magdeburg, fasste es nach den Wahlergebnissen so zusammen: „Was nicht gefördert wird, findet im Theater auch nicht statt. Das heißt, es ist eine Heuchlerei zu sagen, es gäbe keine Zensur, es gäbe einfach eine ökonomische Zensur. Lasst uns schauen, was zum Beispiel in Ungarn passiert ist in den letzten 15 Jahren. Das existiert und das ist eine große Bedrohung für die Demokratie.“
Man sollte die langfristig drohenden Schäden, die in einer Beschneidung des Bildungs- und Kulturapparats lauern, nicht auf die leichte Schulter nehmen. In Kultur und der Fähigkeit zu mündigem Denken liegt so viel Wertvolles, das nicht nur für die Entwicklung zu vollwertigen Mitgliedern einer Gesellschaft wichtig ist, sondern auch für die seelische Gesundheit. Allein die Zahl an Menschen, die generationenübergreifend an depressiven Erkrankungen leiden, sowie der völlig verrohte Umgangston, der on- wie offline um sich greift, zeigt wie sehr unsere Gesellschaft krankt. Und es ist nicht allein idealistisches Gerede zu sagen: Kunst ist ein großes Gegengewicht zu allem, was uns krank macht. Kunst vermittelt tiefes Glück wie warmen Trost, eine gemeinschaftliche Erfahrung, Erfüllung – vor allem aber auch lebendigste Inspiration, wie wir sie anderswo kaum noch finden. Um sie am Leben zu halten, braucht es aber uns Menschen und unser aktives Bekenntnis zu ihr, durch Anwesenheit, durch Förderung, durch Interesse an ihrem vielfältigen Fortbestehen.
Wir danken Ihnen, liebe Leser, für Ihr kontinuierliches Interesse – und wünschen Ihnen auch in diesem Monat wieder eine inspirierende Lektüre der nachfolgenden Seiten.||
Ihre Yeri Han