
EDITORIAL
Autorin: Y. Han · Ausgabe 09 /2026||So schnell ist der Juli – der einzige Monat eines Jahres, in dem wir „pausieren“ (wenn man das so nennen kann) – auch schon wieder vorbei. Man könnte ein wenig FOMO (fear of missingout) bekommen, wenn man bei der Rückkehr an den Redaktionstisch anhand der vielen eingetrudelten Texte unserer Autorinnen und Autoren sieht, was an den verschiedenen Festspielorten alles zu erleben war. Zuvorderst kommen einem da sicherlich „150 Jahre Bayreuther Festspiele“ in den Sinn, wo sich unangenehme Skandale im Vorfeld, prominente Sprecher zum Festakt und dann wieder ein musikalischer Höhepunkt zur Eröffnung miteinander vermischten. Am Grünen Hügel schieden sich in diesem Jahr die Geister noch einmal besonders; selbst Buchblogger und Kultur-Influencer sprangen anlässlich des prominenten Jubiläums (teilweise hauptsächlich aufmerksamkeitsheischend und angesichts der komplexen Causa nicht annähernd ausreichend informiert) auf den Zug auf, um die jüngst erfolgte Erhöhung der staatlichen Zuschüsse scharf in Frage zu stellen angesichts der holperigen Vergangenheitsaufarbeitung und des Kontrasts zu anderen Veranstaltern, von denen vielen die Mittel seit Jahren eher gekürzt werden als erhöht. Die Debatte darum, inwiefern man Kunst unabhängig von ihrem Erschaffer konsumieren und genießen darf/kann, ist in den letzten Jahren aufgrund von verschiedensten Skandalen und andauernden Kontroversen in Musik wie Literatur eher lauter geworden als leiser. Je mehr hier aber mitreden können – dank des Wilden Westens im Internet wie Social Media –, desto mehr rutscht der Diskurs in eine Art uninformiertes, plakatives Clickbaiting ab, das von rechts wie von links spaltet und Gräben weiter vertieft. Es ist erschreckend und gefährlich, wie offensichtlich einer breiten Masse die Fähigkeit abhanden zu kommen scheint, in der Tiefe zu recherchieren und in ihrer exponentiell schrumpfenden Aufmerksamkeitsspanne mehr als nur noch Überschriften, aus dem Kontext gerissene Zitate und Zusammenfassungen zu lesen. Hier finden – oftmals vielleicht versehentlich, nichtsdestotrotz aber falsche – Fehlinformationen einen Nährboden; und wo mündige Information fehlt, öffnet man leider sehenden Auges Tor und Tür für eingefärbtes Gedankengut. „Man kann natürlich die Festspiele besuchen“, sagte Michel Friedman in seiner Rede. „Auch ohne schlechtes Gewissen. Aber nur mit Wissen.“ Es wäre schön, wenn wieder mehr Menschen sich auf mündige Wissensaneignung zurückbesännen! So mancher Diskurs würde sich wieder entschärfen, der Ton allmählich wieder ziviler werden, der Hang zu sofortiger Empörung kleiner …%weiter%
Den ersten Rückblick auf den Festspielsommer zusammenzustellen macht immer besondere Freude – hier treffen Glanz und Gloria der großen Hochburgen mit ihren prominenten Casts sowie die liebevollen, von Herzblut getragenen „kleinen“ Veranstalter aufeinander, die sich teilweise seit Jahrzehnten auf die Treue ihres Publikums verlassen können. Hier freut man sich fast noch mehr über musikalische Triumphe und wünscht ihnen, dass sie noch viele weitere Jahre die Mittel und das Publikumsinteresse bekommen, um mit Mut und Freude an Musik Ausgrabungen wie junge Talente zu präsentieren.
Vielleicht erkennen Sie, liebe Leser, sich ja im ein oder anderen Sentiment unserer Rezensenten wieder, wenn Sie die folgenden Seiten durchstöbern. Oder falls Sie – so wie wir auch – nicht überall selbst dabei sein konnten, hoffe ich, dass die Berichte einen lebhaften Eindruck dessen vermitteln, was den Sommer über an den verschiedensten Orten zu hören und zu sehen war.
||Ihre Yeri Han